Tirol muss Fortschritt wollen – Vom Abschottungsreflex zum Innovationsstandort von Weltrang
Präambel: Die Frage, die sich Tirol nicht stellen traut
Es gibt eine Frage, der dieses Land seit Jahren ausweicht. Nicht, weil sie zu schwer wäre, sondern weil die ehrliche Antwort unbequem ist. Die Frage lautet: Wollen wir den Fortschritt überhaupt?
Man würde meinen, die Antwort sei selbstverständlich ja. Doch wer der Tiroler Politik der letzten Jahre zuhört, hört etwas anderes. Er hört Sorge, wo Stolz angebracht wäre. Er hört Abwehr, wo Ehrgeiz nötig wäre. Und er hört am lautesten dann, wenn etwas zu gut läuft.
Das jüngste Beispiel ist die Debatte über die Universität Innsbruck. Nur noch 47,9 Prozent der Studierenden bringen ein österreichisches Maturazeugnis mit, bei den Erstsemestrigen sind es weniger als 40 Prozent. Statt darin das zu sehen, was es ist – nämlich ein Gütesiegel: dass Menschen aus ganz Europa und der Welt nach Innsbruck kommen wollen, um zu studieren –, wird es zum Problem erklärt. Die Antwort, die man sucht, heißt Quote. Eine fixe Aufteilung der Studienplätze nach Herkunft. Nicht nach Können. Nach Pass.
Dieser Antrag beginnt bei dieser Quote, weil sie ein Symptom ist. Sie steht für eine Haltung, die Tirol seit zu langer Zeit lähmt: die Angst vor Veränderung. Die Vorstellung, man könne Wohlstand sichern, indem man die Tür ein Stück weiter zumacht. Die Überzeugung, das Beste liege hinter uns und müsse nur verteidigt werden.
Wir sind vom Gegenteil überzeugt. Wir glauben, dass Wohlstand nicht verteidigt, sondern erarbeitet wird. Dass Offenheit keine Bedrohung ist, sondern die Voraussetzung von allem, was Tirol je groß gemacht hat. Und dass ein Land, das Angst davor hat, dass sich alles verändert, am Ende genau in dieser Veränderung untergeht – denn verändern wird sich die Welt so oder so, ob mit Tirol oder ohne.
Dieser Antrag ist kein Maßnahmenkatalog. Er ist eine Vision. Er beschreibt, was Tirol sein könnte, wenn es sich entscheiden würde, den Fortschritt nicht zu fürchten, sondern zu wollen.
1. Der Reflex: Wie aus einer guten Universität ein Problem gemacht wird
Beginnen wir bei dem, was uns am meisten stört. Quoten widersprechen allem, wofür wir stehen.
Der Gedanke ist im Kern einfach: Es soll zählen, was ein Mensch kann, nicht wen er kennt – und schon gar nicht, woher er kommt. Was zählen soll, ist der Wille, etwas zu leisten, und die Fähigkeit, es zu beweisen. Eine Gesellschaft, die Leistung fördert und honoriert, ist gerecht. Eine Gesellschaft, die nach Herkunft sortiert, ist es nicht.
Eine Herkunftsquote an der Universität dreht dieses Prinzip um. Sie sagt einem jungen Menschen, der besser ist, der mehr will, der härter gearbeitet hat: Du bekommst den Platz trotzdem nicht – wegen deines Passes. Und sie sagt einem anderen, der schlechter abgeschnitten hat: Du bekommst ihn – wegen deines Passes. Das ist nicht der Schutz heimischer Studierender. Das ist die Bestrafung von Leistung und die Belohnung von Zufall.
Damit wir einander richtig verstehen: Wir reden hier von der generellen Herkunftsquote, von dem Versuch, das Sortieren nach Pass zum Normalfall zu machen und auf ein Fach nach dem anderen auszuweiten – auf Wirtschaft, auf Architektur, auf was auch immer als Nächstes „überrannt“ erscheint. Das lehnen wir ab. Etwas anderes sind eng begrenzte Ausnahmen dort, wo ein konkreter, nachweisbarer Versorgungsbedarf der eigenen Bevölkerung besteht: Bei Gesundheitsberufen wie der Human- und Zahnmedizin oder der Psychologie lässt sich ein solcher Bedarf real begründen, weil ein Land seine ärztliche und psychologische Versorgung sicherstellen können muss. Eine maßvolle Quote ist dort ein vertretbares Instrument. Der Fehler beginnt genau in dem Moment, in dem man diese Ausnahme zur Regel erklärt und ein Werkzeug der Daseinsvorsorge in ein Werkzeug der Abschottung verwandelt.
Dahinter steckt ein Denkfehler, der sich durch die ganze Debatte zieht: die Vorstellung, ein Studienplatz sei ein Stück Kuchen, das einem weggenommen wird, sobald ihn ein anderer bekommt. Doch eine Universität ist kein fixer Kuchen. Sie ist ein lebendiger Ort, dessen Wert davon abhängt, wie gut die Menschen sind, die dort forschen, lehren und lernen. Eine Universität, an die die Besten aus ganz Europa kommen wollen, ist keine bedrohte Universität. Sie ist eine erfolgreiche. Der hohe Anteil internationaler Studierender in Innsbruck ist kein Alarmsignal. Er ist ein Kompliment, das man gerade dabei ist, in eine Beleidigung umzudeuten.
2. Zweihundert Kilometer Unterschied
Innsbruck liegt rund zweihundert Kilometer von München entfernt. In München betreibt Google eines seiner größten Entwicklungszentren in Europa. Microsoft hat dort über Jahrzehnte seine deutsche Zentrale aufgebaut. Rund um diese Standorte ist ein Ökosystem aus Forschung, Kapital, Talent und Gründergeist entstanden, das zu den dichtesten des Kontinents zählt. München ist heute ein Ort, an dem Weltfirmen entstehen.
Und Tirol? In Tirol gilt es als Großereignis, wenn irgendwo eine neue Seilbahn gebaut wird. Eine neue Seilbahn wird als Innovation gefeiert, als Beweis von Fortschritt, als Standortargument. Mit allem Respekt vor der Ingenieursleistung dahinter: Das kann nicht der Maßstab eines Landes sein, das ernst genommen werden will.
Wir müssen ehrlich sein über das, was wir feiern. Das Vorzeigeunternehmen, das in Tirol seit Jahren als Beweis dafür herhält, dass wir Hochtechnologie können, ist MED-EL – der Innsbrucker Weltmarktführer für Hörimplantate. MED-EL ist eine großartige Firma, ein echter Weltkonzern aus Tirol, und ein Beleg dafür, dass es geht. Aber MED-EL wurde in den 1970er- und 1980er-Jahren gegründet. Das Unternehmen, das wir als unser Innovationsbeweis vorzeigen, ist älter als die meisten Menschen in diesem Saal. Es ist nicht mehr neu. Wir zehren von einer Gründung, die ein halbes Jahrhundert zurückliegt, und tun so, als sei das ein laufender Beweis unserer Innovationskraft.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht, dass Tirol nichts kann. Sondern dass Tirol aufgehört hat, den Anspruch zu haben, etwas Neues hervorzubringen. Wir verwalten unseren Ruf, statt ihn zu erneuern. Und das in einem Moment, in dem zweihundert Kilometer weiter gezeigt wird, wie schnell ein Standort an einem vorbeizieht, der sich entschieden hat, vorne sein zu wollen.
Dabei hätten wir alles, was es braucht.
3. Wir haben alles. Wir nutzen es nicht.
Hier liegt die bittere Ironie der Tiroler Debatte. Während über Quoten an der Universität gestritten wird, ist genau diese Universität still und leise zu einem der bedeutendsten Forschungsstandorte der Welt geworden – in einem Feld, das die nächsten Jahrzehnte prägen wird.
Innsbruck ist die Heimat der Quantencomputer. Das ist keine Lokalpatrioten-Übertreibung, das ist der internationale Stand der Dinge. Die Quantenphysik an der Universität Innsbruck und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehört zur absoluten Weltspitze. Aus ihr ist mit Alpine Quantum Technologies ein Unternehmen hervorgegangen, das im Frühjahr 2026 mit seiner neuesten Generation einen europäischen Rekord für einen universellen Quantencomputer aufgestellt hat. In Innsbruck steht der leistungsstärkste Quantencomputer Europas. Fachleute weltweit nennen diese Stadt schlicht die Heimat der Ionenfallen-Quantencomputer.
Während Tirol darüber diskutiert, ob zu viele kluge Menschen aus dem Ausland nach Innsbruck kommen, ist genau hier eine Technologie gereift, um die uns jedes andere Land der Welt beneidet. Und sie ist nicht trotz, sondern wegen der Offenheit dieser Universität entstanden. Sie ist das Produkt von Forschern, die aus aller Welt zusammenkamen, weil Innsbruck ein Ort war, an dem man Weltklasse-Wissenschaft machen konnte.
Das ist der Beweis, dass es geht. Tirol kann Weltspitze. Tirol ist in einem Zukunftsfeld bereits Weltspitze. Die Frage ist nur, ob wir bereit sind, aus dieser Forschungsexzellenz auch wirtschaftliche Stärke zu machen – oder ob wir zusehen, wie das hier geschaffene Wissen anderswo zu Wohlstand wird.
Denn Forschung allein reicht nicht. Eine Erkenntnis, die in einem Labor bleibt, verändert kein Land. Erst wenn aus Forschung Unternehmen werden, aus Patenten Produkte und aus Doktoranden Gründer, entsteht das, was München ausmacht und was Tirol fehlt: ein Ökosystem. Dafür braucht es eine Gründungs- und Spin-off-Offensive, die diesen Namen verdient – einen Weg von der Universität in den Markt, der nicht durch Bürokratie, sondern durch Möglichkeiten gepflastert ist. Und es braucht Kapital, das bereit ist, ins Risiko zu gehen. Wagniskapital ist nichts anderes als die Bereitschaft, an eine Idee zu glauben, bevor sie sich bewiesen hat. Wo dieses Kapital fehlt, wandern die Ideen dorthin ab, wo es vorhanden ist. Und das ist heute nicht Tirol.
Doch all das – Spin-offs, Kapital, Ökosystem – ist nur die zweite Hälfte der Geschichte. Die erste Hälfte ist eine Frage der Haltung.
4. Talent ist frei – und geht dorthin, wo es willkommen ist
Es nützt die beste Universität nichts, wenn das Land um sie herum nicht will, dass die Menschen, die sie anzieht, auch bleiben.
Das ist der Punkt, an dem die Quotendebatte und die Standortfrage zusammenfallen. Wer Spitzentalente ausbildet und sie dann mit Misstrauen behandelt, wird sie verlieren. Wer Forscher aus dem Silicon Valley anziehen will, aber ihnen das Leben hier schwer macht, wird sie an München verlieren. Talent ist das mobilste Gut der Welt. Es bleibt nicht aus Dankbarkeit. Es bleibt dort, wo es willkommen ist und wo es leben kann.
Und genau hier scheitert Tirol an Banalitäten. Stellen wir uns eine Ingenieurin vor, die in einem führenden Technologiezentrum der Welt gearbeitet hat und nun überlegt, ein Start-up in Europa aufzubauen. Sie kommt nach Innsbruck. Die Landschaft ist perfekt. Das Klima ist perfekt. Der Lebensstandard ist höher als an vielen Orten, von denen sie kommt. Sie könnte hier glücklich werden. Und dann fragt sie, wo ihre Kinder zur Schule gehen sollen – und es gibt kaum englischsprachige, international ausgerichtete Kindergärten und Volksschulen, und die wenigen Plätze sind längst vergeben. In diesem Moment ist die Entscheidung gefallen. Nicht gegen Tirol, weil Tirol nicht schön genug wäre. Gegen Tirol, weil München die Schule hat, die Tirol nicht hat. Sie geht nach München, und mit ihr geht das Start-up, das hier hätte entstehen können.
Das ist keine abstrakte Sorge. Das ist die Mechanik, nach der Standorte gewinnen oder verlieren. Wer internationale Spitzenkräfte will, muss eine internationale Infrastruktur des Alltags bieten: englischsprachige Bildung von der Krippe bis zur Matura, einen Aufenthaltsweg, der Menschen nicht behandelt, als müssten sie sich für ihr Kommen rechtfertigen, eine Verwaltung, die Englisch spricht und Tempo kennt. Das alles ist nicht Luxus. Es ist die Grundausstattung eines Standorts, der im globalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe mitspielen will.
Offenheit ist für uns kein moralisches Zugeständnis, das man der Welt macht. Offenheit ist Eigeninteresse. Ein Land, das die Besten anzieht und behält, wird reicher, freier und lebendiger. Ein Land, das sie abweist, wird ärmer, enger und älter. Die Quote ist die institutionalisierte Form dieser Selbstverarmung. Sie ist der Versuch, sich vor dem zu schützen, was uns retten würde.
5. Nicht fördern, ermöglichen
An dieser Stelle kommt der entscheidende Unterschied. Wenn man in Tirol über Innovation spricht, landet man schnell bei Förderprogrammen. Das Land hat unzählige davon. Man fördert hier eine App mit hunderttausenden Euro, dort ein Projekt, das kaum Spuren hinterlässt. Es wird viel Geld verteilt und wenig bewegt.
Wir glauben nicht an diesen Weg. Nicht, weil wir gegen Innovation wären, sondern weil Subvention das schwächste Werkzeug ist, das ein Staat hat. Förderung bedeutet, dass der Staat entscheidet, welche Idee es wert ist, Geld zu bekommen. Doch der Staat ist ein schlechter Investor. Er kennt die Zukunft nicht besser als alle anderen, er kennt sie meist schlechter. Was er an Geld verteilt, verteilt er nach politischen, nicht nach unternehmerischen Kriterien. Und am Ende sind viele Förderungen vor allem eines: ein teurer Beweis dafür, dass man etwas getan hat.
Unser Weg ist ein anderer. Der Staat soll nicht auswählen, wer gewinnt. Er soll die Bedingungen schaffen, unter denen möglichst viele es versuchen können. Er soll nicht Investor sein, sondern Ermöglicher. Und das Wertvollste, was ein Ermöglicher bieten kann, ist nicht Geld – es ist das Wegräumen von Hindernissen.
Das heißt konkret: Standort- und Genehmigungsbeschleunigung. Es kann nicht sein, dass ein junges Unternehmen Monate oder Jahre auf Verfahren wartet, die anderswo in Wochen erledigt sind. Jeder Tag, den eine Genehmigung länger dauert als nötig, ist ein Tag, an dem das Unternehmen anderswo schneller gewesen wäre. Bürokratie ist nicht neutral. Sie ist ein Standortnachteil, den wir uns selbst zufügen.
Es heißt: physische Räume statt Förderbescheide. Was ein entstehendes Ökosystem braucht, sind Orte – Hubs, Inkubatoren, Flächen, an denen Gründer, Forscher und Kapital aufeinandertreffen. Nicht digitale Förderportale, sondern Wände, Labore, Werkstätten und Schreibtische, an denen Menschen sich begegnen und etwas Gemeinsames bauen.
Und es heißt vor allem: eine Haltung. Die wichtigste Infrastruktur ist nicht aus Beton. Sie ist im Kopf. Solange Politik und Bevölkerung im Grunde nicht wollen, dass hier Start-ups, Spin-offs und neue Industrien entstehen – mit allem, was dazugehört, mit Zuzug, mit Veränderung, mit Menschen, die anders sind –, wird kein Förderprogramm der Welt etwas ändern. Der erste und billigste Schritt zum Innovationsstandort kostet keinen Cent: Es ist die Entscheidung, ihn zu wollen, und sie laut auszusprechen.
6. Die Pilotregion: Ein Reallabor für den Fortschritt
Wenn wir es ernst meinen, dann sollten wir den Mut haben, es an einem Ort wirklich zu zeigen. Unsere Vision ist eine Tiroler Pilotregion, die sich zu hundert Prozent dem Fortschritt verschreibt – ein Reallabor, in dem das, was anderswo an Vorschriften, Verfahren und Vorsicht erstickt, einmal in voller Freiheit ausprobiert werden darf.
Stellen wir uns eine Zone vor, in der die Regeln nicht der Maßstab sind, sondern die Möglichkeiten. In der ein Start-up nicht erst beweisen muss, dass es harmlos ist, bevor es etwas tun darf, sondern in der es etwas tun darf und erst dann beurteilt wird, wenn es etwas geschaffen hat. In der künstliche Intelligenz entwickelt, trainiert und eingesetzt werden kann, ohne dass jeder Schritt von vornherein von einem Dickicht aus Auflagen begleitet wird. In der nicht nur produzierende Betriebe, sondern gerade die digitalen, die forschungsnahen, die radikal neuen Unternehmen einen Raum finden, in dem Fortschritt der Normalzustand ist und nicht die genehmigungspflichtige Ausnahme.
Das ist eine bewusst große Idee. Sie wird Widerspruch ernten, und das ist gut so. Denn jede ernsthafte Veränderung beginnt mit einem Vorschlag, den die Bewahrer für undenkbar erklären. Eine solche Freiheitszone wäre ein Signal an die ganze Welt: Hier, in Tirol, gibt es einen Ort, an dem man bauen darf. An dem man nicht gegen den Staat arbeiten muss, sondern mit ihm. An dem die Standardantwort nicht „das geht nicht“ lautet, sondern „versuchen wir es“.
Die Überzeugung, dass Freiheit nicht das Risiko ist, das man eingehen muss, sondern die Quelle, aus der Wohlstand entsteht. Dass Menschen, denen man vertraut und denen man Raum gibt, mehr Gutes schaffen als jede Behörde, die sie verwaltet. Eine Pilotregion des Fortschritts wäre der gebaute Beweis dieser Überzeugung – und der schärfste denkbare Gegenentwurf zur Quote.
7. Energie ist die Grundlage von allem
Nichts von alldem funktioniert ohne Energie. Und genau hier hat Tirol einen Vorteil, der so groß ist, dass man fassungslos ist, wie wenig wir daraus machen.
Die Zukunft, von der wir sprechen, läuft auf Strom. Künstliche Intelligenz braucht Rechenleistung, Rechenleistung braucht Rechenzentren, und Rechenzentren brauchen enorme Mengen Energie – am besten günstig, am besten sauber, am besten verlässlich. Wer in dieser Zukunft vorne sein will, braucht Strom im Überfluss. Energie ist das A und O des digitalen Zeitalters.
Und Tirol hat sie. Jedes andere Land würde uns um unsere Berge beneiden – nicht nur wegen der Natur und des Tourismus, sondern wegen der Wasserkraft. Wir wissen, wie man saubere Energie erzeugt. Wir wissen, wie man sie speichert, in Pumpspeicherkraftwerken, die das größte Problem der erneuerbaren Energie lösen: ihre Schwankung. Wir könnten günstigen, sauberen Strom in einer Menge und Verlässlichkeit bereitstellen, von der andere Standorte nur träumen. Wir sind für das Energiezeitalter der künstlichen Intelligenz so prädestiniert wie kaum eine Region Europas.
Das verändert die ganze Erzählung. Plötzlich sind die Berge nicht nur Postkartenmotiv und Skigebiet, sondern das Fundament eines Hochtechnologiestandorts. Plötzlich passt alles zusammen: die Energie aus dem Wasser, die Rechenzentren, die darauf laufen, die künstliche Intelligenz, die in ihnen entsteht, die Quantencomputer an der Universität, die das nächste Kapitel dieser Technologie schreiben. Tirol hätte alle Glieder der Kette – von der sauberen Kilowattstunde bis zum Quantenalgorithmus. Wir müssten sie nur zusammenfügen, statt jedes Glied einzeln zu verwalten und keines zu nutzen.
Dazu gehört, Energie in ihrer ganzen Breite zu denken: Wasserkraft als Rückgrat, dazu Windkraft, Solarenergie, Tiefengeothermie, jede saubere Quelle, die uns unabhängiger und stärker macht. Energie ist nicht nur ein Klimathema. Sie ist die härteste Standortfrage des kommenden Jahrzehnts. Und Tirol sitzt auf einem Schatz, den es bislang vor allem fotografiert.
8. Der unterschätzte Weltmarktführer: Alpine Technik als Hightech
Eine letzte Stärke übersehen wir, weil wir sie falsch einordnen. Tirol ist Weltspitze in der alpinen Technik – im Bau von Seilbahnen, in der Schnee- und Pistentechnik, in allem, was es braucht, um in extremem Gelände Großes zu bauen und zu bewegen. Wir behandeln das als Tourismus. Tatsächlich ist es Hochtechnologie und Maschinenbau auf Weltniveau.
Hier liegt ein Cluster verborgen, den niemand als solchen erzählt: Tiroler Unternehmen, die in ihren Nischen den Weltmarkt anführen, die exportieren, die forschen, die hochkomplexe Ingenieursleistung erbringen – und die wir gedanklich in die Schublade „Bergbahn“ stecken, statt sie als das zu sehen, was sie sind: Industrie der Spitzenklasse, gewachsen ohne Subvention, getragen von Können und Wettbewerb. Wenn wir lernen, diese Stärke als Hightech zu begreifen und nicht als Folklore, entsteht daraus ein weiteres Standbein eines selbstbewussten Innovationsstandorts.
Es ist dieselbe Lektion wie überall in diesem Antrag: Tirol unterschätzt sich. Es nennt seine Weltspitze Tourismus, seine Energie Landschaft und seine internationale Universität ein Problem. Es ist Zeit, das umzudrehen.
9. Die eigentliche Entscheidung: Angst oder Fortschritt
Damit sind wir bei der Quintessenz. Bei der Frage, um die es in Wahrheit geht.
Mit Quoten und mit Panik vor Veränderung kommen wir nicht weiter. Das ist keine Frage der politischen Geschmacksrichtung, das ist eine Frage der Richtung der Geschichte. Die Welt verändert sich, ob es uns gefällt oder nicht. Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, neue Industrien – das alles kommt, und es kommt schnell. Wer sich davor fürchtet und versucht, es aufzuhalten, indem er die Tür zumacht, der hält nichts auf. Er sorgt nur dafür, dass die Veränderung woanders stattfindet und ihn zurücklässt. Wer Angst davor hat, dass sich alles verändert, der wird am Ende in genau dieser Veränderung untergehen.
Man muss sich nur ansehen, wie es anders geht – und man muss dafür nicht weit schauen. Bayern ist, bei aller Verschiedenheit, ein im Kern ähnlich konservativ geprägtes Land wie Tirol. Auch dort gibt es Tradition, Heimat, Stolz auf das Eigene. Und trotzdem hat München sich entschieden, ein Ort des Fortschritts zu werden. Es hat den Widerspruch aufgelöst, der Tirol lähmt: dass man seine Wurzeln nur behält, wenn man die Zukunft abwehrt. München zeigt, dass das Gegenteil stimmt. Dass man stolz auf das Eigene sein und zugleich der offenste, modernste, ehrgeizigste Standort weit und breit sein kann. Tirol könnte das auch. Wir haben jede Grundlage dafür – die Universität, die Quantenphysik, die Energie, die Lebensqualität, die Lage. Uns fehlt nur die Entscheidung.
Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt eine Geschichte, die in Österreich begann und anderswo endete. Peter Steinberger ist Österreicher. Ende 2025 hat er mit OpenClaw eines der meistbeachteten KI-Projekte des Jahres geschaffen – ein Werkzeug, das innerhalb weniger Wochen weltweit explodierte. Wenige Monate später ging er ins Silicon Valley, zu OpenAI. Das ist keine Anklage gegen ihn; es war seine Entscheidung, und sie ist nachvollziehbar. Aber sie erzählt etwas über uns. Österreich bringt solche Talente hervor. Was Österreich nicht hat, ist das Ökosystem, in dem aus solchen Talenten Weltfirmen werden – das Kapital, die Dichte, die Geschwindigkeit, der Sog. Dieses Ökosystem steht in San Francisco. Es könnte, ein Stück weit, auch in Innsbruck stehen.
Man darf träumen: Hätte Tirol die Bedingungen geboten, von denen dieser Antrag spricht – die Offenheit, die Räume, die Energie, das Tempo, das Willkommen –, vielleicht wäre der nächste, der eine solche Idee hat, nicht nach Kalifornien gegangen. Vielleicht wäre er geblieben. Vielleicht wäre er gekommen. Genau dafür kämpfen wir.
Was wir wollen
Die JUNOS Tirol bekennen sich zu einem Tirol, das den Fortschritt nicht fürchtet, sondern will. Wir treten ein für ein Land, das offen, mutig und frei ist – und das den Anspruch hat, im Wettbewerb der besten Standorte der Welt vorne mitzuspielen, statt seine Errungenschaften zu verwalten und seine Stärken zu verkennen.
Wir lehnen generelle Herkunftsquoten an den Universitäten entschieden ab. Was zählen muss, ist Leistung und Wille, nicht der Pass. Eng begrenzte Ausnahmen bei nachweisbarem Versorgungsbedarf der eigenen Bevölkerung – etwa in den Gesundheitsberufen – sind etwas grundlegend anderes als die Ausweitung dieses Instruments auf immer neue Fächer. Der hohe Anteil internationaler Studierender in Innsbruck ist kein Problem, sondern ein Gütesiegel, das es zu schützen gilt.
Wir bekennen uns zur Universität Innsbruck und ihrer Quantenforschung als Weltspitze und fordern eine echte Gründungs- und Spin-off-Offensive, die Forschung in Unternehmen verwandelt, sowie ein Umfeld, in dem Wagniskapital den Mut zu neuen Ideen finanzieren kann.
Wir wollen Tirol zu einem Ort machen, an dem internationale Spitzenkräfte nicht nur studieren, sondern leben und gründen wollen – mit englischsprachiger Bildung von der Krippe bis zur Matura, mit einer weltoffenen Verwaltung und mit einem Zugang, der Menschen willkommen heißt statt sie zu misstrauen.
Wir wollen einen Staat, der nicht fördert, sondern ermöglicht – der Genehmigungen beschleunigt, Hindernisse wegräumt, physische Räume für Innovation schafft und seine Energie nicht in Förderportale, sondern in echte Standortbedingungen steckt.
Wir fordern den Mut zu einer Pilotregion des Fortschritts – einem Reallabor, in dem Unternehmen und Forschung in größtmöglicher Freiheit ausprobieren dürfen, was die Zukunft trägt, von künstlicher Intelligenz bis zu Technologien, die wir heute noch nicht kennen.
Wir wollen Tirols natürlichen Vorteil endlich nutzen: saubere, günstige, verlässliche Energie aus Wasserkraft, Pumpspeicher und allen erneuerbaren Quellen als Fundament eines digitalen Hochtechnologiestandorts mit Rechenzentren, künstlicher Intelligenz und Quantentechnologie.
Und wir wollen, dass Tirol seine eigenen Stärken endlich richtig benennt – die alpine Technik als Weltklasse-Industrie, die Berge als Energiequelle, die internationale Universität als Trumpf.
Vor allem aber wollen wir, dass Tirol eine Entscheidung trifft. Die Entscheidung gegen die Angst und für den Fortschritt. Denn die Veränderung kommt ohnehin. Die einzige Frage ist, ob wir sie gestalten – oder ob wir ihr beim Davonziehen zusehen.