Beschlusslage

Chancen statt Klischees – Die Zukunft braucht Fachkräfte

Aktuelle Situation

Die Lehre ist eine der wichtigsten Säulen unseres Wirtschaftsstandorts. Trotzdem kämpfen viele Betriebe händeringend um Lehrlinge, während gleichzeitig immer mehr junge Menschen das Gefühl haben, dass nur ein Studium als „echter“ Bildungsweg gilt. Die Folge: Fachkräftemangel auf der einen Seite und ein Bildungssystem auf der anderen Seite, das praktisches Talent noch immer zu oft unterschätzt.

Dabei liegt das Problem nicht an der Lehre selbst – sondern daran, wie wir über sie reden und wie wir sie organisiert haben. Noch immer wird die Lehre oft als „zweite Wahl“ wahrgenommen. In Schulen fehlt es an moderner Berufsorientierung, Eltern kennen viele neue Lehrberufe kaum und Jugendliche kommen häufig erst viel zu spät mit den Chancen einer Lehre in Berührung.

Besonders absurd ist dabei, dass wir in Österreich zwar ständig von „Durchlässigkeit“ im Bildungssystem sprechen, viele Bildungswege aber weiterhin künstlich voneinander getrennt werden. Die Lehre mit Matura ist ein Erfolgsmodell, wird aber noch immer viel zu wenig sichtbar gemacht. Gleichzeitig entscheiden sich viele AHS-Maturantinnen und Maturanten erst später bewusst für eine Lehre – weil sie Praxis, Unternehmertum und echte Berufserfahrung suchen. Genau diese Wege verdienen endlich mehr Anerkennung.

Auch berufsbildende mittlere Schulen wie HAS oder LLA werden oft unterschätzt, obwohl sie für viele junge Menschen das ideale Sprungbrett in eine hochwertige Lehrausbildung sind.

Während Unternehmen längst mit KI, Robotik und digitalen Prozessen arbeiten, dominieren in manchen Berufsschulen noch starre Lehrpläne und Auswendiglernen. Moderne Projektarbeit, hybride Lernmodelle oder digitale Kompetenzen sind vielerorts noch Ausnahme statt Standard.

Gerade in Zeiten von KI und Automatisierung wird oft so getan, als würde praktische Arbeit an Bedeutung verlieren. Tatsächlich passiert das Gegenteil.

Denn vieles, was unsere Gesellschaft am Laufen hält, kann nicht einfach automatisiert werden: Handwerk, Technik, Pflege, Produktion oder praktische Problemlösung bleiben unverzichtbar. Eine KI kann vielleicht Texte schreiben oder Daten analysieren – aber sie repariert keine Heizung, installiert keine Solaranlage und baut keine Maschinen.

Die Lehre vermittelt Fähigkeiten, die realen Mehrwert schaffen – mit echten Ergebnissen, echter Verantwortung und echter Praxis. Dieses Selbstbewusstsein muss die Lehre auch wieder ausstrahlen.

Wer anpackt, Verantwortung übernimmt und praktische Lösungen schafft, verdient dieselbe gesellschaftliche Anerkennung wie jeder akademische Bildungsweg.

Unsere Lösung

Wir JUNOS wollen die Lehre aus der alten Schublade holen und neu denken – als modernen Karriereweg mit Zukunft, Aufstiegschancen und internationaler Perspektive.

Bewusstseinsoffensive

Dafür braucht es zuerst eine echte Bewusstseinsoffensive. Berufsorientierung darf keine einmalige Pflichtübung sein, sondern muss jungen Menschen echte Einblicke in die Arbeitswelt ermöglichen. Berufsorientierung muss praxisnäher, moderner und kontinuierlicher stattfinden. Regelmäßige Praxistage in Betrieben, Projektarbeiten mit Unternehmen sowie Lehrlinge und innovative Berufsbilder direkt in den Schulen sollen Jugendlichen frühzeitig zeigen, welche Chancen und Möglichkeiten moderne Lehrberufe bieten.

Gleichzeitig müssen auch Eltern stärker eingebunden werden, weil sie bei Bildungsentscheidungen eine zentrale Rolle spielen. Elternabende gemeinsam mit Betrieben, ehemaligen Lehrlingen und Ausbildungsorganisationen können helfen, alte Vorurteile abzubauen und ein realistisches Bild der heutigen Lehre zu vermitteln. Zusätzlich braucht es transparente Informationen über Karriere-, Weiterbildungs- und Einkommenschancen nach einer Lehre, damit junge Menschen und ihre Familien fundierte Entscheidungen treffen können. Lehrlingsmessen und Informationskampagnen sollen deshalb gezielt auch Eltern ansprechen und die Lehre als modernen Karriereweg sichtbar machen.

Besonders wichtig ist uns dabei, alle Bildungswege rund um die Lehre sichtbarer zu machen. Die Lehre mit Matura muss weiterhin aktiv gefördert werden, weil sie jungen Menschen zusätzliche Möglichkeiten eröffnet und zeigt, dass Praxis und höhere Bildung kein Widerspruch sind.

Gleichzeitig wollen wir auch die Lehre nach der Matura stärker etablieren. Wer nach einer AHS-Matura oder nach anderen schulischen Abschlüssen bewusst den Schritt in die Praxis machen möchte, darf nicht das Gefühl haben, „zurückzugehen“. Im Gegenteil: Gerade diese Kombination aus Allgemeinbildung und praktischer Ausbildung verbindet oft das Beste aus beiden Welten.

Auch berufsbildende mittlere Schulen wie HAS oder LLA müssen stärker als hochwertige Vorbereitung auf eine Lehre verstanden werden. Diese Bildungswege vermitteln bereits wichtige Grundlagen und gehören viel besser mit dem Lehrsystem vernetzt.

Wer bereits schulische Vorqualifikationen mitbringt, soll außerdem von einer verkürzten Lehrzeit profitieren können. Vorwissen muss anerkannt werden – nicht ignoriert.

Moderne Berufsschulen

Parallel dazu braucht es endlich eine echte Modernisierung der Berufsschulen. Moderne Werkstätten, digitale Infrastruktur, attraktive Lernräume und zeitgemäße Labore sind keine Luxusprojekte, sondern Grundvoraussetzungen für eine hochwertige Ausbildung. Junge Menschen verdienen Ausbildungsstätten, die Innovation ausstrahlen – nicht Stillstand.

Darüber hinaus wollen wir die Lehre inhaltlich modernisieren. KI, Robotik und digitale Kompetenzen müssen fixer Bestandteil moderner Lehrpläne werden. Statt sturem Auswendiglernen braucht es mehr echte Projektarbeit, mehr Eigenverantwortung und eine stärkere Ideenkultur.

Auch die Organisation der Berufsschule gehört reformiert. Weniger starre Blocksysteme und stattdessen regelmäßiger Unterricht – etwa ein Berufsschultag pro Woche – würden den Bezug zur Praxis stärken. Ergänzend dazu sollen hybride und digitale Lernangebote ausgebaut werden.

Zusätzlich wollen wir Leistung stärker sichtbar machen – etwa durch Lehrlingswettbewerbe, Leistungsprämien und internationale Austauschprogramme wie ein Erasmus für Lehrlinge.

Lehre on Demand statt Zwang zum Internat

Viele Lehrlinge stehen heute vor dem Problem, dass es für ihren gewählten Lehrberuf im eigenen Bundesland keine passende Berufsschule gibt. Die Konsequenz: Sie müssen für mehrere Wochen oder Monate in ein anderes Bundesland wechseln und dort im Internat wohnen. Gerade für junge Menschen ist das oft eine massive Hürde – sozial, organisatorisch und finanziell.

Dabei leben wir längst in einer digitalen Welt, in der Lernen nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden sein muss.

Wir JUNOS wollen deshalb „Lehre on Demand“ ermöglichen: flexible hybride und digitale Berufsschulangebote, die es Lehrlingen erlauben, Teile ihrer Ausbildung bequem und zeitgemäß online zu absolvieren. Moderne Lernplattformen, digitale Unterrichtseinheiten und hybride Modelle können helfen, regionale Nachteile abzubauen und mehr jungen Menschen den Zugang zu ihrer Wunschlehre zu ermöglichen.

Nicht jede Ausbildung braucht zwingend wochenlange Anwesenheit in einem Internat. Gerade in Zeiten von Digitalisierung und Remote-Arbeit muss auch die Lehre endlich moderner und flexibler gedacht werden.

Unterschiedliche Bildungswege brauchen unterschiedliche Anforderungen.

Gleichzeitig ist uns wichtig: Kein Lehrling soll durch unnötige Überforderung aus dem System gedrängt werden.

Wer sich bewusst für eine klassische Lehre entscheidet, soll sich auf eine hochwertige praktische Ausbildung konzentrieren können, ohne automatisch dieselben erweiterten theoretischen Anforderungen erfüllen zu müssen wie jemand, der zusätzlich die Matura absolviert.

Die Lehre mit Matura bleibt für uns ein wichtiges Erfolgsmodell, das weiterhin aktiv gefördert werden soll. Sie richtet sich an jene, die zusätzlich ein höheres theoretisches Niveau anstreben und sich weitere Bildungs- und Karrierewege offenhalten möchten.

Das bedeutet aber auch: Unterschiedliche Bildungswege brauchen unterschiedliche Schwerpunkte. Nicht jede Ausbildung muss identisch aufgebaut sein, um gleich viel wert zu sein.

Wir wollen ein System, das individuelle Stärken fördert, anstatt alle in dasselbe starre Modell zu pressen.

Kompetenzverteilung: Was Land und Bund tun müssen

Viele Reformen rund um Lehrpläne, Ausbildungsordnungen oder die Lehre mit Matura liegen auf Bundesebene. Auch die Berufsschullehrpläne werden bundesweit geregelt.[1]

Die Bundesländer tragen jedoch eine zentrale Verantwortung für die Berufsschulen selbst – insbesondere bei Gebäuden, Infrastruktur, Ausstattung und der organisatorischen Gestaltung der Schulen. Genau hier kann und muss Landespolitik handeln.

Gerade deshalb dürfen sich die Länder nicht länger aus der Verantwortung stehlen. Wer ständig vom Fachkräftemangel spricht, muss auch bereit sein, in moderne Berufsschulen zu investieren.

Forderung

Die JUNOS fordern daher eine umfassende Modernisierung der Lehre durch:

·       eine landesweite Awareness-Offensive für Lehrberufe,

·       die stärkere Sichtbarkeit von Lehre mit Matura sowie Lehre nach der Matura

·       eine bessere Verknüpfung von berufsbildenden mittleren Schulen mit dem Lehrsystem,

·       moderne Berufsschulen mit zeitgemäßer Infrastruktur und Ausstattung,

·       sowie eine Reform der Berufsschulen hin zu mehr Praxis, Digitalisierung, Flexibilität und Zukunftskompetenzen wie KI und Robotik.

·       Lehre on Demand

Denn die Lehre ist keine Ausbildung zweiter Klasse – und darf auch nicht länger so behandelt werden.

 

[1] Rechtsinformationssystem des Bundes | Lehrpläne für Berufsschulen